Kostenlose Fotos – Fluch oder Segen? Markus Spiske im Interview

Markus Spiske - Kostenlose Fotos - Fluch oder Segen

Kostenlose Fotos – vielen sind sie ein Graus, andere verdienen damit Geld. Wieder andere verschenken Ihre überschüssigen Fotos anstatt sie auf der Festplatte verstauben zu lassen. Markus Spiske ist Designer & Fotograf aus Franken und seit einigen Jahren produziert er (kostenlose) Stockfotos. Über seine Erfahrungen in der Branche, seine Herangehensweise und warum er einen Teil seiner Fotos “verschenkt” erfährst Du in diesem Interview.

Hallo Markus, wer bist Du? Ein kurzer (Ab-)Satz über Dich und Dein Leben mit der Fotografie, für alle die Dich nicht kennen!

Ich bin 1972 in Stadtsteinach (Frankenwald) geboren und in Bayreuth aufgewachsen. Nach der Schule arbeitete ich zunächst zehn Jahre (inkl. 3-jähriger Ausbildung) als Industriekaufmann bei einer großen Betonfirma in Bayreuth. Zum 31.12.2000 wurde ich mit weiteren 500 anderen Beschäftigten entlassen, da ich zu wenige Punkte im Sozialplan aufzuweisen hatte (ledig, keine Kinder, nur 10 Jahre Betriebszugehörigkeit). Notgedrungen erfolgte eine alternative berufliche Ausrichtung, zumal ich bei Bewerbungen einige Absagen in meinem alten Berufsfeld bekommen hatte.
Nach der Umschulungsmaßnahme über die Dauer von zwei Jahren und erfolgreichem IHK-Abschluss zum Mediengestalter für Digital- u. Printmedien wagte ich im Alter von 31 Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit. Natürlich war es anfangs schwierig und zäh. Ich hatte keinen Kundenstamm und es dauerte immerhin drei Jahre bis ich in die schwarzen Zahlen kam. Seit dem läuft es relativ gleichmäßig auf einem Niveau, das ich wohl als Industriekaufmann nicht erreicht hätte und manchmal selbst nicht glauben kann.
Rückblickend war die Entlassung ein Glücksfall. Mittlerweile kann ich es mir auch nicht mehr vorstellen, angestellt zu sein. Die Freiheiten sind einfach zu groß und wertvoll und könnten mit mehr Geld gar nicht aufgewogen werden.
Manchmal denke ich auch über diese interessante Wendung in meinem Leben nach, weil ich von selbst nie auf Idee gekommen wäre zu kündigen und plötzlich Mediengestalter zu machen. Ganz einfach weil die Arbeit ok war und die Kollegen oft auch Freunde waren. Das Arbeitsklima war sehr familiär.
Ein weiterer Gedanke der mich oft umtreibt ist, dass ich vorher nie kreativ gearbeitet hatte. Von sechs bis 30 war Fußballspielen und Party machen das wichtigste in der Freizeit. Ich hatte damals zwischen drei möglichen Berufsumschulungen zu wählen, ich nahm aus unerfindlichen Gründen die kreative Sparte und es funktionierte. Ist das nun schon immer schlummernde, verborgene Kreativität oder „einfache“ Adaption durch Inspiration, oder beides?
Übrigens: von der damaligen Klasse (23 Personen) die diese Umschulung mitmachten, hatten letztendlich sechs Personen in diesem Berufsfeld weitergearbeitet. Bis heute sind -mit mir- nur noch drei darin tätig.

Markus Spiske - Kostenlose Fotos - Unterführung

Markus Spiske – Unterführung

Wann hat es bei Dir „Klick“ gemacht und Du wusstest, dass Du mit Deiner Fotografie Geld verdienen möchtest?
Es war ein schleichender Prozess, bzw. nicht direkt beabsichtigt. Während eines halbjährigen Praktikums in der Ausbildung bei einer Nürnberger Agentur musste ich öfters Bildmaterial für diverse Kampagnen suchen. So kam ich mit der Fotografie zum ersten Mal näher in Berührung. Daraufhin fing ich an, autodidaktisch, zunächst mit einer Nikon 885, selbst auf die Suche nach Motiven zu gehen. Ich merkte ziemlich schnell, dass mir das sehr viel Spaß machte.
Nach einiger Zeit kaufte ich eine EOS300d und begann dann nach und nach testweise bei einigen Bildagenturen Fotos hochzuladen. Im Laufe der Zeit wurden es immer mehr Agenturen/Portale, neue Kameras kamen dazu, mehr Bilder wurden verkauft.
Die Fotografie ist aber nicht meine Haupteinnahme, sonder eher nur ein untergeordnetes
Standbein, neben dem Print- und Webbereich. Seit 2004 betreibe ich zudem -mit zwei weiteren Kollegen- den mittlerweile größten Online-Shop für Norweger Pullover der Marke „Dale of Norway“.

Markus Spiske - Downhill

Markus Spiske – Downhill

Du hast Dich spezialisiert auf UnStock oder Antistock. Viele Deiner Werke findet man umsonst auf Deinen Seiten, oder auf verschiedenen Portalen. Gleichzeitig bietest Du größere Packs als Premium Pakete an. Was hat Dich dazu bewegt und wie sind Deine Erfahrungen damit?
Am Anfang bewegte ich mich überwiegend im Rahmen von Microstock Agenturen. Es stellte sich im Laufe der letzten zehn Jahre heraus, dass für meine Arbeiten eher die „nicht ganz so kommerziellen“ Portale relevant sind. D.h. ich verkaufe sehr gut bei Photocase, gut bei Creativemarket und photodune.
iStock, Shutterstock, Depositphotos etc. ist eher mäßig, da dort überwiegend „Hochglanz Material“ erwartet und gesucht wird.
Diese Bezeichnungen Unstock und Antistock tauchten ja vor einiger Zeit verstärkt auf. Sowie ich das verstehe ist damit die nicht inszenierte Fotografie gemeint. D.h. es gibt keine Models, keine Lichtaufbauten, kein Storyboard, etc., es soll jedenfalls, aus Sicht des Kunden, nicht professionell ausschauen.
Das Ziel, das Firmen damit verfolgen, ist meiner Meinung nach verstärkt diese „opinion leader“ abzubilden, die vor allem in ihrer Community oder Peer-Group als sehr glaubhaft und somit authentisch wahrgenommen werden und somit das Gefühl transportieren …“schau wir sind genau wie du, kauf das Teil…“.
Als „Spezialisierung“ meinerseits würde ich es nicht bezeichnen, da es für mich der normale Umgang mit der Fotografie bzw. mit den vorhanden Motiven ist.
Ich bilde nur meine alltägliche Umgebung ab. Und da gibt es nun mal keine Lichtaufbauten und Hair/MakeUp-Stylisten.
Richtig, einige Bildpakete kann man kaufen, die sich nur durch subjektive Qualitäten unterscheiden. Aktuell sind weitere 1390 Fotos mit der Lizenz CC-BY erhältlich und 450 als CC-0. Interessanterweise erhalte ich durch die kostenlose Bereitstellung ein vielfaches mehr an Feedback als bei den kauf-pflichtigen Portalen. Sei es durch Lob via Mail oder auch durch Spenden via PayPal, die sich im Schnitt immerhin auf $20-$30 belaufen. Und für meine beiden Seiten kommen pro Monat im Schnitt fünf Anfragen für Affiliate-Marketing.

Markus Spiske - Road

Markus Spiske – Road

Wie siehst Du die Zukunft der Fotografie? Was muss man heute als Fotograf machen um zwischen den Milliarden anderen Bilder wahrgenommen zu werden?
Mir wird das ehrlich gesagt alles viel zu technisch. Wenn ich solche Manipulationen
sehe wie „nachträgliches Verschieben des Schärfepunktes“ z. B. bei der Canon Mark IV, weiß ich nicht was das alles noch mit der Fotografie als „Wirklichkeit“ oder realitätsnaher Abbildung zu tun hat. Dann könnte man doch gleich alles digital und nur als virtuelle Computeranimation darstellen.
Ich denke solche Blogs wie deiner sind eine gute Möglichkeit um auf sich aufmerksam zu machen. Du findest etwas interessant und informierst deine Leser durch ein Interview, was hoffentlich weiterempfohlen wird und daraus ergeben sich dann im Optimalfall immer weitere Multiplikatoren. Als Beispiel dafür wie man es schafft aus der Masse herauszustechen, ist eine Nische zu
besetzen. Wenn ich z.B. an Andreas Levers oder Heiko Gerlicher denke, haben die beide sich ja zweifelsohne Nischen ausgesucht und umgesetzt und zwar auf eine ganz spezielle Art und (Sicht-)weise. Man merkt diesen Fotos die Expertise und Freude an. Daraus resultierend würde ich ableiten, was auch für mich gilt: einfach das machen, worauf man Lust und Spaß dabei hat, ohne Rücksicht zu nehmen wenn das letztdenlich dann gefällt oder nicht gefällt.

Markus Spiske - Office

Markus Spiske – Office

Welchen Einfluss hat die Ruhe und Natur Deiner Umgebung auf Dich? Spielt es eine Rolle für Dein Berufsleben, dass Du Abseits der Großstadt lebst?
Ich bzw. wir (meine Frau und unsere zwei Jungs, 5 und 1,5 Jahre) lieben die Natur. Für die Zeit der Doktorarbeit meiner Frau lebten wir in der Innenstadt von Münster, was auch interessant war. Aber für uns war klar, dass wir nicht in einer Stadt leben wollen. Wir wohnen jetzt 5km von Erlangen und 30km von Nürnberg entfernt in einem kleinen Dorf mit 1000 Einwohnern, am Tor zur Fränkischen
Schweiz.
Da neue Aufträge überwiegend durch Empfehlungen erfolgen hat mein Arbeitsstandort nichts mit Umsetzung von Aufträgen zu tun. Ich bin mobil kann zu allen Kunden hinfahren, sie kommen zu mir oder es wird via Mail/Telefon geklärt.
Für meine Arbeitsweise finde ich den Standort allerdings sehr wichtig. Da ich während der „Arbeitszeit“ öfters einfach mal zwei bis drei Stunden raus in die Natur gehe und entweder mit meinem alten Rennrad durch die Fränkische fahre oder im Wald joggen gehe, was unheimlich befreiend wirkt und der Kreativität neue Denkanstöße gibt.

Markus Spiske - Gebäude bei Langensendelbach

Markus Spiske – Gebäude bei Langensendelbach

Was macht für Dich ein gutes Foto aus?
Nur der Bildausschnitt. Was ist zu sehen, was ist angedeutet, was sieht man nicht und stellt es sich stattdessen vor. Danach kommt das Bildmotiv. Die Bildqualität, Farbtreue, Schärfe etc. finde ich eher zweitrangig, wobei man das natürlich auch wieder gezielt als Stilmittel einsetzen kann.

Welche Rolle spielt für Dich die Brennweite und Dein Bokeh?
Ich arbeite mit unterschiedlichen Objektiven/Brennweiten, habe meistens zwei dabei und probiere einfach immer unterschiedliche Sachen aus. In der letzten Zeit habe ich öfters mal mit analogen Objektiven experimentiert, z.B mit einem Helios 44M 2/58mm, welches ein sehr interessantes Bokeh produziert.

Markus Spiske - Notebook

Markus Spiske – Notebook

Wie ist das Verhältnis von der Nachbearbeitung zur eigentlichen Aufnahme?
Die Nachbearbeitung sollte immer so gering und schnell wie möglich vonstattengehen. Ein Bild zu beschneiden kommt eigentlich nie vor. Farben bearbeite ich in der Regel schon etwas und manchmal kommt noch ein Filter drüber (Lightroom Presets).

Was ist das wichtigste Werkzeug für Deine Fotografie?
Die Augen würde ich sagen, da man ohne ja keine möglichen Motive erkennen kann. Ich merke schon, dass ich die Welt etwas anders wahrnehme, weil ich mir z.B. vorstelle „was könntest du daraus machen, wie würde das als Foto aussehen usw“. und andere Sachen sehe als meine Mitmenschen. Frage ich z.B. jemanden „Wow hast Du das gesehen…?“ kommt in der Regel ein Nein. Wobei diese unterschiedliche Wahrnehmung natürlich auch Teil der menschlichen
Natur ist. Als Buchtipp empfehlen hierzu u.a. „Radikaler Konstruktivismus“ von Ernst von Glasersfeld.

Markus Spiske - Berge

Markus Spiske – Berge

Wie bist Du auf die Idee zu Konsumsklaven gekommen? Wie ist das Feedback dazu? Als Designer hilfst Du doch eigentlich dabei Dinge zu verkaufen.
Das kam irgendwann mal beim Laufen durch die Kölner Fußgängerzone. Diese Gleichheit und farblich aggressive Darstellung ist schon sehr abschreckend, vor allem wenn man viele solcher Ausschnitte auf einmal sieht. All diese ganzen Teaser/Aufkleber/Poster etc. sind nahezu identisch, genau wie die Ladenstraßen in den Großstädten. Aber ich denke die meisten Menschen
nehmen das gar nicht mehr wahr, weil nur noch der Impuls „rot=sale= billig= muss ich unbedingt haben“ angesprochen wird. Somit wollte ich eine Möglichkeit schaffen, das nochmal in der Gesamtheit darzustellen um darüber auch mal nachzudenken. Ein Ausstellungskonzept ist auch in Arbeit, da ich denke so würde es noch viel mehr Auffallen wie diese Manipulation funktioniert. Das
Feedback ist durchgehend überraschend und teilweise auch selbstreflektierend in die Richtung „…warum falle ich immer wieder darauf rein?“
Ja, in der Regel helfe ich schon dabei Sachen zu verkaufen. Das heißt aber nicht, dass ich das Ganze nicht auch etwas kritischer sehen und hinterfragen kann. Glücklicherweise kann ich als Selbstständiger eigenverantwortlich entscheiden, wie ich verschiedene Projekte bearbeite/kalkuliere/ abrechne. Das führt beispielsweise dazu, dass ich entscheiden kann für irgendjemand umsonst zu arbeiten, was ich regelmäßig mache. Z.B. für verschiedene Nachwuchsbands, einem Yoga-Studio in Datteln, einen Naturwaren-Shop in Bamberg oder einer Gemeindeverwaltung für die ich eine neue Internetseite umsetze, usw.

Markus Spiske - Autobahn bei Nacht

Markus Spiske – Autobahn bei Nacht

Welchen Tipp kannst Du einem Anfänger geben, der darüber nachdenkt seine Fotos zu „verschenken“?
Genau, „verschenken“ ist die erste Frage dazu. Man muss sich überlegen ob man es überhaupt „verschenken“ will und falls ja, wie man es „verschenken“ möchte. Es gibt anschließend kein zurück mehr. Bei mir war es so, dass ich es zu schade fand, all diese von den etablierten Bildagenturen abgelehnten Fotos „digital verstauben“ zu lassen. So fing ich an dieses Material mit der Creative Commons Lizenz CC-BY (Namensnennung erforderlich, Kommerzielle Nutzung erlaubt) bereitzustellen. Dazu habe ich mir eine Internetseite gebaut (raumrot. com), die Fotos noch parallel in low-res bei Flickr hochgeladen und anschließend sämtliche Designportale via Mail angeschrieben, dass hier eine weitere freie Bildquelle vorhanden ist und sie eventuell darüber einen Blogeintrag generieren möchten. Die Rückmeldung war erstaunlich, die Zugriffszahlen stiegen rasch sehr schnell an.
Seit dem 1.1.2017 habe ich noch eine weitere Seite (ffcu.io) -mit aktuellen 450 Fotos- zum Bild-Download gestartet, die alle mit der Lizenz CC-0 (Public Domain) markiert und kommerziell ohne Namensnennung nutzbar sind. Diese Seite nutze ich vorher nur als Linkarchiv zu verschiedenen Creative Commons Seiten.
Generell ist eines der Hauptprobleme allerdings, dass die Verschlagwortung/ Kategorisierung bei den diversen Portalen eben nicht automatisiert funktioniert. So gut wie jede Plattform hat ihre eigenen Kategorien, erlaubt nur eine bestimmte Anzahl von Keywords, möchte z.B. fünf Wörter in der Beschreibung etc.. Da helfen dann die EXIF/IPTC Daten auch sehr wenig. Das macht die Pflege
in den unterschiedlichen Portalen etwas zeitaufwendig und mühsam. Empfehlen zum Einstieg würde ich dazu: unsplash, pixabay und pexels (wobei die beiden zuletzt genannten sogar aus Deutschland kommen)

Markus Spiske - Effeltrich Luftaufnahme

Markus Spiske – Effeltrich Luftaufnahme

Was ist ein Buch oder eine Geschichte, die Dein Leben verändert hat?
Na ja die lebensverändernde Geschichte beginnt zwei Monate vor meiner Kündigung, als ich erfahren habe, dass ich dabei bin. Ich war niedergeschlagen, traurig, enttäuscht und wusste nicht wie es weitergehen sollte. Zufälligerweise machte sich ein guter Freund gerade auf eine 8-wöchige Rucksackreise durch Paraguay/Brasilien/Uruguay/Argentinien, den ich kurzentschlossen begleitete.
Mit befreitem Kopf ging ich danach zum Arbeitsamt und entschied mich einfach für die Umschulung zum Mediengestalter.
Aus dieser einschneidenden Erfahrung heraus möchte ich anderen Menschen Mut zusprechen, nicht zu verzagen wenn sich Veränderungen im Leben ergeben. Meine Erfahrung hat mich gelehrt: Eine Türe schließt sich, eine andere öffnet sich…

Hier noch 5 ganz kurze Fragen:
Bauch oder Kopf? Bauch
Sonnenauf- oder Sonnenuntergang? Aufgang
Handwerker oder Künstler? Handwerker
Festbrennweite oder Zoom? beides im Einsatz
Wald oder Berg? Bergwald

Vielen Dank für Deine Zeit und viel Glück mit all deinen zukünftigen Projekten.

1 Kommentare

  1. …danke für den Bericht/das Interview. Ich möchte fast sagen, dass er mich auf weitere Ideen gebracht hat ;o) Grüße,
    Andreas

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