Christoph Boecken ist die kreative Person hinter Jeriko, einem der interessantesten Fotografie Blogs im deutschsprachigen Raum. Mit dem Fokus auf gute Fotos und genug Motivation die eigenen Leser für Wettbewerbe zu begeistern hat er letzte Woche die Zeit gefunden ein paar Fragen für die digitale Fotoschule zu beantworten. Das Interview wurde 2010 geführt. Inzwischen läuft auf Jeriko nichts mehr – dafür findet Ihr Christoph und seine analogen Portraits hier.
Wir würden uns über einen (Ab-)Satz zu deiner Person freuen, für all die Leute die Dich nicht kennen.
Ich bin Christoph, 28 Jahre jung, ursprünglich aus Köln, wohne aber mittlerweile in Berlin und arbeite dort als selbstständiger Programmierer für Webanwendungen und als Administratür für Spreeblick. Zur Photographie bin ich irgendwie über mein Blog gekommen, da mich Photos schon immer gereizt haben. Vor ziemlich genau einem Jahr dann habe ich mir nach langer Überlegung eine gebrauchte Nikon D60
geleistet und einfach angefangen. Und seit dem hat mich das nicht mehr losgelassen.
Als was siehst Du Dich: Fotograf, Designer oder Blogger?
So eine Mischung zwischen Fotograf und Blogger. Beides sind für mich Hobbies, die ich zu gleichen Teilen betreibe, und die mir auch nach all der Zeit immer noch sehr viel Spaß machen. Nach außen hin ist aber die Wahrnehmung als Blogger wohl größer, schon allein weil meine Photos sicher nicht mit denen anderer mithalten können. Aber ich lerne ja jeden Tag noch dazu.
Am Anfang war Jeriko ja noch ein buntes Pottpourie an Themen, hat sich jetzt aber auf kreativen Augenschmaus fokussiert. Wie hat sich das so entwickelt?
Ich hab Jeriko mal als meinen ganz eigenen Sandkasten bezeichnet, in dem ich entscheide, was dort passiert. Das hat sich nicht geändert, ich schreibe nach wie vor über das, was mich interessiert. Angefangen hat es 2006, ich habe damals noch über Gott und die Welt geschrieben, es folgte mehr oder weniger Tagebuch-bloggen – einige meiner besten Texte sind wohl aus der Zeit – und über den Nerd- und What-The-Fuck-Kram bin ich dann im Sommer 2009 irgendwann zur Photographie gekommen. Das war auch gleichzeitig das erste Mal, dass ich mir wirklich sicher war mit dem, was ich dort tue. Es ist nur eine Randnotiz, aber mein aktuelles Design ist jetzt über ein Jahr alt, während ich sie davor nach spätestens drei Monaten gewechselt habe. So gesehen auch eine Art Symbol dafür, dass ich das, was ich mache, gut finde.
Wieviel Zeit schenkst Du Jeriko so in einer normalen Woche? Wieviel schenkst Du Deiner Kamera?
Völlig unterschiedlich, wie es meine Zeit eben erlaubt. Üblicherweise ein Stündchen am Tag, kommt aber auch schon mal vor, dass ich eine Woche lang beides nicht anrühre. Ich zwinge mich zu gar nichts.
Aus Deiner Masse an Projekten, was ist Dein Lieblingsprojekt?
Ha, welche Masse!? 🙂 Müsste ich wählen, dann wahrscheinlich Ausdruck, das kleine Blogmagazin, was ich Ende letzten Jahres zum Download angeboten habe. Es war eine Schnapsidee mit anfänglichen Schwierigkeiten, die mich außer Zeit und der Bereitschaft, mal was neues auszuprobieren, ja nichts gekostet hat. Und die Resonanz darauf war wirklich überwältigend.
In der Jeriko Flickr Gruppe gibt es inzwischen über 4000 Fotos, hättest Du damit am Anfang gerechnet?
Klar. 🙂 Okay Spaß beiseite, dafür, dass ich die Gruppe derzeit ein wenig vernachlässige, freut es mich natürlich sehr, dass immer noch sehr viele dort ihre Photos einstellen. Auch dass ich mittlerweile kaum noch moderieren muss – es hat sich, denke ich, schon ein gewisser Stil entwicklelt.
Du siehst ja viele Fotografen Portfolio’s und Bilder. Was für Tipps würdest Du einem Fotografen, der am Anfang steht und gerne im Internet wahrgenommen werden möchte, geben?
Vernetze dich. Von selber kommt niemand zu dir, also kommentiere bei anderen, lern sie vielleicht über Facebook kennen, bei Flickr, bei Twitter, was du eben nutzt. Und sei dabei immer, wirklich immer freundlich und vor allem du selbst – niemand will gekünstelten Mist in seinen Kommentaren sehen, bei denen klar ist, dass es nur um die eigene Bereicherung geht. Die Leute wollen sehen, dass hinter den Texten, den Kommentaren, den Bildern ein Mensch mit Persönlichkeit steckt. Alles andere ist nur PR, die als solche sofort entlarvt wird.
Deine Gedanken zu: Streetfotografie.
Wahrscheinlich die “ehrlichste” Form der Fotografie, dennoch denke ich, dass beide Seiten – Fotograf wie Fotografierter – damit einverstanden sein müssen. Schließlich möchte ich auch nicht, dass irgendwer einfach so Photos von mir macht. Zugegeben, ich frage auch immer erst hinterher, aber ich tue es. Ein wenig Freundlichkeit kann nie schaden, und es bilden sich unter Umständen sogar ein paar tolle Diskussionen aus einer simplen Frage.
Nenn uns ein Buch, welches das Leben unserer Leser verändert! Egal ob Roman oder Sachbuch.
Spontan: American Psycho von Bret Easton Ellis. Ob das Leben verändert kann ich nicht sagen, aber ich kenne kein anderes Buch, was die Oberflächlichkeit und die Langeweile einer Gesellschaft, die sich nur über Äußerlichkeiten definiert, besser in Worte fasst als dieses. Das perfekte Beispiel dafür, wie man nie werden sollte.
Vielen Dank für Deine Zeit und viel Glück mit Deinen zukünftigen Projekten.